Energieautonome Ökohöfe und Nullemissions-Häuser

Beim Durchsehen des aktuellen idw-Newsletters sind mir zwei komplementäre Berichte aufgefallen. Unter der etwas waghalsigen Überschrift “Teller und Tank” sind möglich wird über Feldversuche auf ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen berichtet, die neben einer Haupt- noch eine Zweitkultur auf der selben Fläche anbauen. Bei diesem Mischfruchtanbau wurde z.B. neben Erbsen als Hauptfrucht noch Leindotter angebaut. Die beiden Pflanzen teilen sich die Ackerfläche - mit erstaunlichen Resultaten. Laut idw-Mitteilung wurde bei dieser Mischung mit fast 3 Tonnen Erbsen nahezu der vollständige übliche Ertrag gewonnen, und nebenbei konnten 250 Liter Leindotteröl erwirtschaftet werden. Die Bearbeitung eines Hektars verbraucht laut Bericht 80-150 Liter Pflanzenöl, so dass man hier von einer wirklichen Energieautonomie sprechen kann (weiß der Geier, warum gerade alle möglichen Leute von der streng genommen nicht zutreffenden Energie”autarkie” sprechen, aber sei’s drum). Andere Kombinationen seien nicht ganz so erfolgreich, und zudem fehlt oft noch die Erfahrung mit den alternativen Pflanzentreibstoffen, aber diese Art selbstgenügsamen und dabei sehr produktiven Ökoanbaus verdient weitere Beachtung und Förderung, gerade in Zeiten explodierender Erdölpreise.

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Das soll ich essen?

Was macht einen größeren Anteil an den Treibhausgasemissionen meines Speiseplans aus: Woher das Essen kommt, oder was ich esse? Zumindest für die USA ist diese Frage vorerst beantwortet. Simon Donner verweist auf eine jüngst erschienene Studie von Weber und Matthews, nach der die Wahl was ich auf meinen Teller packe einen sehr viel größeren Einfluss hat als die Frage, woher diese Dinge kommen. In Zahlen: 83% der Emissionen klimawirksamer Gase entstehen in der Produktionsphase von Nahrungsmitteln, lediglich 11% entfallen auf den Transport - der mit durchschnittlichen 1.640km vom Produktionsort bis zum Supermarktregal schon ziemlich happig ist, die aber wiederum von den 6.760km der gesamten Produktionskette (life-cycle supply chain) noch einmal deutlich übertroffen werden.

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Online-Aktion für nachhaltigen Ausbau von Agrokraftstoffen

Auf der Online-Plattform avaaz.org wurde kürzlich eine Petition zum Mitzeichnen freigeschaltet, mit der Staats- und Regierungschefs auf dem anstehenden G20-Gipfel aufgefordert werden können, strikte Nachhaltigkeitsstandards bei Agrokraftstoffen einzuführen. Die Petition ist zu finden unter

Avaaz.org: Erst der Teller, dann der Tank!

Kann Bio die Welt ernähren?

Die FAO hat im Dezember letzten Jahres eine Erklärung herausgegeben, nach der Biolandwirtschaft nicht geeignet ist, anstelle konventioneller Methoden die Welternährung zu garantieren. Jacques Diouf, Generaldirektor der FAO, sagte wörtlich: “But you cannot feed six billion people today and nine billion in 2050 without judicious use of chemical fertilizers.” Interessanterweise bezieht sich die Einschränkung für Bioanbau anscheinend nur auf den Einsatz von Düngemitteln. Weiter unten heißt es:

“Higher productivity with lower inputs can be obtained from such systems as Integrated Pest Management (IPM) and Conservation Agriculture (CA), Dr. Diouf noted. IPM can reduce pesticide use by 50% in the case of cotton and vegetable production and up to 100 percent with rice. CA and no-tillage agriculture reduces labour requirements by doing away with ploughing and can use 30 percent less fertilizer and 20 percent less pesticides.”

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Der merkwürdige Fall Kuba

Anlass dieses Beitrags ist ein gestern beim Environmental News Network (ENN) erschienener Bericht, nach dem Kuba in den vergangenen drei Jahren anscheinend eine ernsthafte Energiekrise lösen konnte - dank des Einsatzes erneuerbarer Energien wie Solar- oder Windenergie, kombiniert mit Energiesparmaßnahmen und einer lange überfälligen Erneuerung des Stromnetzes. UNEP-Direktor Achim Steiner begrüßte dem Bericht zufolge die Entscheidung der Regierung, auf eine umweltfreundliche und nachhaltige Energieerzeugung umzuschwenken.

Doch hinter der Geschichte steckt mehr. Kuba ist sozusagen ein Überbleibsel des hinter uns liegenden Systemgegensatzes zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Während des Kalten Krieges von der Sowjetunion mit billiger Energie und auch finanziell versorgt, fungierte die Insel vor der Küste der USA hauptsächlich als Exporteur von Agrarprodukten in den Ostblock. Die USA hatten bereits 1960, nur ein Jahr nach der Machtübernahme Fidel Castros, ein Wirtschaftsembargo über Kuba verhängt. Auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR blieb das Embargo aufrecht, so dass sich die Insel bis heute relativ autonom versorgen muss (einem BIP von 44,5 Milliarden Dollar stehen Exporte über 2,4 Milliarden Dollar und Importe über 6,9 Milliarden Dollar gegenüber). In den letzten Jahren wurde Kuba zwar vermehrt mit billigem venezolanischen Öl versorgt, doch das US-Embargo garantiert weiterhin wirtschaftliche Isolation. Amnesty international (ai) zufolge, die regelmäßig Menschenrechtsverletzungen durch den sozialistischen Staat dokumentieren, ist das Embargo ein mitbestimmender Faktor für den geringen Lebensstandard der meisten KubanerInnen.

Zu Beginn der 1990er Jahre stand Kuba vor dramatischen Umstruktierungen. Der ineffiziente und energieverschlingende Handel mit der UdSSR war gewissermaßen über Nacht zusammengebrochen. Kuba drohte gleichzeitig eine schwere Nahrungs- und Energiekrise. Da sowohl Treibstoff als auch Dünger und Pestizide fehlten, entschied sich die Regierung den einzig möglichen Weg zu gehen - und weitete den Anbau biologisch erzeugter Nahrungsmittel drastisch aus. In den Medien wurde dieser Schritt bald als organic revolution bezeichnet. Im Jahr 2001 berichtete die BBC, dass die Produktion von Früchten und Gemüse jährlich um 250% zunehme. Der Schlüssel zu dieser Entwicklung war einerseits die auf der Insel vorhandene freie Arbeitskraft vieler KubanerInnen, welche ein Umschwenken zur arbeitsintensiveren ökologische Landwirtschaft begünstigte. Außerdem wurden in den Städten zahlreiche freie Plätze genutzt, um kleine Gärten anzulegen. Doch der eigentliche Clou sind die besonderen Vorteile der biologischen Landwirtschaft, welche es erlauben, auf den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln zu verzichten. Kuba hat also aus der Not eine Tugend gemacht.

Bis zum Ende der 1990er Jahre hatte Kuba mit diesen Maßnahmen seine unmittelbar drohende Nahrungskrise überwunden. Als nächstes machte der Bevölkerung die Energiekrise zu schaffen. Die Insel hatte immerhin ihr ganz eigenes Peak Oil erlebt - und letztlich überstanden. 16 Stunden am Tag Stromausfall waren keine Seltenheit. Da Geld fehlte, waren auch keine Investitionen in Großanlagen wie Windparks denkbar, geschweige denn in konventionelle Großkraftwerke. Die Lösung lag in reduziertem Verbrauch - Regierungsangestellte gingen stellenweise von Haus zu Haus und tauschten ineffiziente Glühbirnen durch Energiesparlampen aus - und in der Mikrogeneration von Strom durch kleine Erneuerbare Energie-Anlagen.

Das Global Footprint Network hat in Zusammenarbeit mit dem WWF noch etwas bemerkenswertes über Kuba herausgefunden. Im Living Planet Report 2006 wurden zwei verschiedene Indikatoren zusammengebracht, um einen Maßstab für nachhaltige Entwicklung zu erzeugen. Um die festgelegte Nachhaltigkeits-Latte nicht zu reißen, muss ein Land einerseits einen Human Development Index (HDI) über 0,8 aufweisen (das entspricht exakt dem für Bosnien-Herzegowina und Mauritius ermittelten Wert). Andererseits darf es die durchschnittlich pro Kopf verfügbare Biokapazität nicht überschreiten, darf also höchstens einen ökologischen Fußabdruck von 1,8 Hektar pro Kopf aufweisen. Während die meisten Entwicklungsländer keine Probleme mit der Biokapazität, aber um so mehr mit dem HDI haben, ist das Verhältnis bei den Industrieländern genau umgekehrt. Es gibt nur ein einziges Land, das beide Kriterien erfüllt und nach den Vorgaben des WWF als nachhaltig gelten kann: Kuba. Kubas HDI liegt bei 0,862, und die von seiner Bevölkerung in Anspruch genommene Biokapazität liegt bei 1,5 Hektar pro Person. Allerdings überstrapaziert Kuba trotz diesen Befundes die eigenen Ressourcen deutlich: Den in Anspruch genommenen 1,5 ha/Person stehen rechnerisch nur 0,9 ha an Inselfläche zur Verfügung.

All dies sollte deutlich machen, warum ich Kuba im Titel als “merkwürdigen Fall” beschrieben habe. Kuba ist keineswegs ein Paradies. Grundlegende Freiheitsrechte sind auf der Insel nicht verwirklicht, die Menschenrechtslage ist alles andere als vorbildlich. Mit einer Wirtschaftsleistung von nur 4.000 Dollar pro Kopf und Jahr gehört das Land fast zum ärmsten Drittel der Welt (Platz 146 von 229 laut CIA World Fact Book). Dem zugrunde liegt (auch) ein harsches wirtschaftliches Embargo durch die USA. Trotz dieser Bedingungen liegt die Lebenserwartung mit 77 Jahren in Kuba nur knapp unter den USA (78 Jahre), die Alphabetisierungsrate ist vergleichbar, und die Kindersterblichkeit ist sogar geringer (6,04 gegenüber 6,37 pro 1.000 Geburten). Kuba ist der einzige Staat, der nach den Kriterien des WWF als nachhaltig bezeichnet werden kann, wenn es auch immer noch über seine eigenen ökologischen Grenzen lebt. Und ambitionierte Programme haben die Nahrungsmittel- und Energieversorgung auf einen umweltfreundlichen Pfad gebracht. Kuba ist vor diesem Hintergrund ein nachdenkenswertes, ein im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdiges Beispiel, bei dem Licht und Schatten nahe beeinander liegen.

ERGÄNZUNG: Lisa Raffensperger vom World Resources Institute hat unter dem Titel “Changes on the Horizon for Cuba’s Sustainable Agriculture” einen aktuellen Artikel zum selben Thema geschrieben.

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