2.000 demonstrieren für Artenvielfalt, 850.000 feiern auf Straßenparty

Nach kläglichen 5.000 oder so DemonstriererInnen am 8. Dezember 2007 am groß angekündigten Klimaaktionstag in Berlin hat die Umweltbewegung dieses Wochenende wieder einmal ihre Schwäche gezeigt. Ganze 2.000 Leute haben sich bei bestem Wetter in Bonn dazu bewegen können, die Auftaktdemo zum Biodiversitäts-Gipfel zu beehren. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Leute mit nix vor die Tür zu bewegen wären, im Gegenteil: Stolze 850.000 Leute haben alleine am Sonntag den Berliner Karneval der Kulturen besucht und es sich gut gehen lassen. Das sei ihnen, ohne Frage, mehr als gegönnt. Ich habe selber den Karneval oft, gerne und ausgiebig besucht. Das Verhältnis von 1 Umwelt- und EntwicklungsdemonstrantIn zu 425 StraßenpartylöwInnen wirft allerdings ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Umwelt- plus der Entwicklungsbewegung.

Gleichzeitig produziert der Mann aus Brüssel, dessen Denkapparat einem vor sich hin röchelnden Verbrennungsmotor wahrscheinlich am nächsten kommt, eine Menge überflüssiger Prozesswärme, die irgendwohin entweichen muss, vorzugsweise durch den Mund. Fabuliert Günter Verheugen, seines Zeichens EU-Industriekommissar, doch tatsächlich ungefragt von “Leute[n], die von einer Öko-Diktatur sprechen”. Der Grund? Genau: Die klimatechnisch wahrscheinlich am Ende kaum messbare Beschränkung des Kohlendioxid-Ausstoßes von in der EU verkauften Neuwagen auf 120 Gramm pro Kilometer.

Das ist schon ein starkes Stück: Erst baut die Autoindustrie mit aller Macht fleißig mit an der Klimakrise. In den 1990ern geht sie dann eine freiwillige Selbstverpflichtung ein, nach der ihre Autos in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren erheblich effizienter werden sollen. Gleichzeitig stellt sie alle diesbezüglichen Bemühungen ein, überlässt Innovationen wie den Hybridmotor kampflos asiatischen Herstellern. Schließlich klopft die Politik mal wieder bei BMW, Mercedes und Co. an die Tür und kündigt an, ziemlich genau entsprechend der eine Dekade zuvor eingegangenen Selbstverpflichtung künftig gesetzliche Vorgaben einzuführen. Und schon schreit der deutschen Autoindustrie ihr Sprach- respektive Auspuffrohr in Brüssel laut auf und schiebt wem den ganzen selbst verzapften Mist in die Schuhe? Genau: Den Ökos.

Dabei zeigen doch die so gescholtenen, dass ihnen derzeit so ziemlich gar nichts zugetraut werden kann. 5.000 Köpfe im Dezember in Berlin, 2.000 diesen Mai in Bonn. Das ist eine Demo-Mobilisierungsfähigkeit knapp über der Nachweisgrenze. Ein Tempolimit gibt es immer noch nicht auf deutschen Autobahnen, die verheerende Beimischung von Agrokraftstoffen in deutsches Benzin stoppten nicht etwa Greenpeace und der BUND, das wurde dem ADAC überlassen. Die globalen Emissionen von Kohlendioxid steigen nicht einfach ungebremst, sondern immer steiler an, und der deutsche Bundesumweltminister ignoriert sämtliche verfügbaren Fachstudien zur 100%-Vollversorgung mit erneuerbaren Energien, behauptet aber im selben Moment, die Umweltbewegung denke wohl der Strom komme aus der Steckdose - und vereinklangzaubert ein Dutzend neuer Kohlekraftwerke mit den deutschen Klimaschutzzielen. Bleibt die Frage, über wen das jetzt mehr Schlechtes verrät: Über Sigmar Gabriel oder die Klimaziele. Vermutlich über beide gleich viel.

6 Antworten zu “2.000 demonstrieren für Artenvielfalt, 850.000 feiern auf Straßenparty”

  1. Jörg Haas sagt:

    Lieber Nils,
    brilliant. Glückwunsch zu diesem Artikel.
    Herzlich
    Jörg

  2. Christian sagt:

    Nun ja, für mich keine Überraschung. Will man andere davon überzeugen, dass man sich an den zukünftigen ökologischen Probleme aktiv beteiligen soll, wird man als Öko oder Spinner bezeichnet. Konservatismus in Umweltfragen, werden von allen in meiner Familie vertreten … die Technokratie wird´s schon richten! Es ist sicher einfacher sich selbst von den Maßnahmen gegen den anthropogenen Klimawandel zu überzeugen als andere!

    MfG

  3. Nils Simon sagt:

    Hallo Jörg, danke für das Lob!

    Christian: Du hast sicherlich recht. Die Defensive, in die man als UmweltschützerIn in vielen Diskussionen allzu schnell gerät, macht es sehr schwer gute Argumente wirklich unterzubringen.

  4. wflamme sagt:

    “der deutsche Bundesumweltminister ignoriert sämtliche verfügbaren Fachstudien zur 100%-Vollversorgung mit erneuerbaren Energien”

    Fachstudien zur eE-Vollversorgung? Da kenne ich nur eine, wo ein halbwegs seriöser fachlicher Ansatz gepflegt wird und die ist schon ziemlich betagt und läßt noch viele - vor allem ökonomische - Fragen offen:
    >http://www.volker-quaschning.de/klima2000/index.html

  5. Energie-Ossi sagt:

    Hallo Nils
    1. Ich gehe sogar noch weiter als Herr Flamme, Deine sämtlichen Studien zur 100% Vollversorgung mit EE sind blanke Utopien von Ökologen und Märchenerzähler.
    Machbar wird dieser Unfug erst, wenn man einen riesigen Energiespeicher erfindet, der im mehrstelligen TWh Bereich Strom oder eine andere wandelbare Energieform problemlos speichern kann. Eure hochgelobte Windkraft stößt schon jetzt an seine Grenzen, keine neuen Überlandleitungen, kein Transport in den Süden, keine Abnahme des Stroms aus neuen Windparks.
    Ausgerechnet Bürgerproteste verhindern das, wie sich auch der Widerstand gegen neue WKA steigert. Kann es sein, das Naturschützer euch in die Suppe spucken, weil durch die WKA Arten bedroht sind???

    Bist Du jetzt traurig, das die jahrelange mediale Klimahysterie immer noch nicht den gewünschten Effekt bei der Bevölkerung ausgelöst hat???
    MfG

  6. Nils Simon sagt:

    Energie-Ossi: Es gibt keine Klimahysterie. Das ist eine bloße Einbildung von Leuten wie Dir. Geh mal auf die Straße runter und frage 10 zufällig ausgewählte Leute nach ihrer Angst vor dem Klimawandel und dem Umfang ihrer entsprechenden Verhaltensänderung. Spätestens beim zweiten Punkt wirst Du nahezu gar nichts substanzielles herausbekommen. An den Flughäfen steigen jedes Jahr mehr und mehr Menschen in das klimaschädlichste Fortbewegungsmittel überhaupt. Nichtmal ein Tempolimit bekommen wir hin, ganz zu schweigen von verbindlichen Effizienzstandards für Kraftwagen. Hysterie sieht anders aus (die kann man z.B. beim zunehmenden Abbau von Bürgerrechten bei staatlicher Überwachung und Datenspeicherung zur Bekämpfung des weitgehend imaginären weltweiten Terrorismus beobachten, aber gewiss nicht bei irgendeinem Umweltproblem).
    Ansonsten war es nur eine Frage der Zeit, bis Umwelt- und Naturschutz sich beim Ausbau der EE ins Gehege kommen. Jörg Haas hat das sehr schön beschrieben. Aber unabhängig davon sehe ich in Deiner Haltung eine leider weit verbreitete Bedenkenträgermentalität. Vor zehn Jahren hättest Du wahrscheinlich auch ebenso wie die konventionelle Energiewirtschaft darauf geschworen, dass Windkraft niemals mehr als 1% der deutschen Stromerzeugung leisten kann. Man weiß ja inzwischen, was aus derlei Behauptungen geworden ist… heute reden wir darüber, ob 100% möglich sind oder nicht. Wir werden es erst wissen, wenn wir es wirklich ausprobiert haben.

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