Initiative Möckernkiez - Energie- und Rohstoffwende im Selberbau

Seit einem guten halben Jahr bin ich sehr aktives Mitglied einer Initiative in Berlin, die in Eigenregie ein drei Hektar großes Baufeld in Kreuzberg bebauen will. Mit der “Initiative Möckernkiez” wollen wir bezahlbare Wohnungen für breite Bevölkerungsschichten schaffen, die ebenso ökologisch vorbildlich wie sozial integrativ sein, die barrierefrei gestaltet werden und interkulturelles Leben befördern sollen. Auf unserer kürzlich freigeschalteten Webseite www.mockernkiez.de stehen viele weitere Informationen zu unserem Vorhaben. An dieser Stelle will ich vor allem auf den ökologischen Aspekt eingehen und BesucherInnen meines Blogs dazu einladen, konstruktive Kommentare, Vorschläge und Anregungen einzubringen.

Das Baufeld Möckernkiez befindet sich in Berlin-Kreuzberg an der Ecke Yorckstraße/Möckernstraße, also genau hier. Am südlichen Ende, also an der Yorckstraße, befindet sich der alte Zollpackhof, nach Norden und Westen sieht man den ungefähren Verlauf des Feldes deutlich an dem großen Beachvolleyballplatz mit seinem hellen Sand. Im Osten grenzt das Baufeld an die Möckernstraße. Das Ganze ist natürlich auch auf unserer Webseite beschrieben.

Zur Zeit stecken wir in vielfältigen Prozessen gleichzeitig, darunter Verhandlungen mit Banken, Gesprächen mit der Besitzerin Vivico Real Estate, Abstimmungen mit Akteuren der lokalen Politik im Berliner Senat sowie dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der Nachbereitung unserer Vereinsgründung und der Vorbereitung zur Genossenschaftsgründung, der weiteren Ausarbeitung und Differenzierung unseres sozialen wie ökologischen Konzeptes und und und.

Eine der Aufgaben, die ich mir in der Initiative gesucht habe, ist die Ausarbeitung der ökologischen Bestandteile. Was wir darunter verstehen, ist ausführlicher wiederum auf unserer Homepage unter dem Stichwort “Ökologische Nachhaltigkeit” beschrieben. Hier sind kurz die Eckpunkte:

- Energieeffizienz wollen wir vor allem mittels Passivbauweise verwirklichen. Aufgrund der dichten Baustruktur sind Werte unter 10 kWh Heizenergiebedarf pro Quadratmeter und Jahr realisierbar, wie das gerade im Bau befindliche KlimaSolarHaus Berlin rechnerisch zeigt. Damit auch der ansonsten gleich bleibende individuelle Energiebedarf sinkt, werden wir für unsere Gruppe eine professionelle Energieberatung vornehmen. Das senkt nämlich nicht nur den Naturverbrauch, sondern spart bares Geld - und ermöglicht letztlich mehr Menschen mit weniger Einkommen, bei uns mitmachen zu können!

- Erneuerbare Energien sollen den Restbedarf an Wärme, aber auch Teile des Strombedarfs umweltfreundlich decken. Solarthermische Anlagen können bei der geplanten Größenordnung der Anlage von geschätzten 300 Wohneinheiten sehr wirksam eingesetzt werden. Zwischenspeicher sorgen dafür, dass die Effizienz der gesamten Anlage maximiert wird. Noch nicht weiter geplant, aber denkbar, ist die Stromproduktion mittels kleiner Biomasse-BHKW. Bei geschickter Planung ist, in Anlehnung an ein Gespräch von uns mit dem Solararchitekten Rolf Disch, vielleicht sogar “Plusenergie” drin, also die solare Aktivierung unserer Häuser im Gegensatz zur bloß passiven Ausnutzung der Sonne.

- Ökologische Baumaterialien verbessern unsere Umweltbilanz weiter. Die angedachte Holzbauweise senkt den Primärenergiebedarf zur Herstellung der Materialien im Vergleich zur konventionellen Massivbauweise um bis zu zwei Drittel. Die Baugruppe E3Berlin hat eindrucksvoll gezeigt, dass selbst siebengeschossige Stadthäuser mittlerweile problemlos aus Holz gebaut werden könnnen. Kritisch ist für uns dagegen leider die Nutzung nachwachsender Rohstoffe für die Dämmung, weil diese bislang noch empfindlich viel teurer sind als mineralische Dämstoffe. Dies ist einer der wenigen Punkte, an denen Ökologie und Soziales in Konflikt geraten und das Soziale eindeutig den Vorrang bekommen wird - bei vielen anderen Entscheidungen bedingen sich beide Elemente allerdings, denn ein Passivhaus spart auf lange Sicht allen BewohnerInnen viel Geld!

- Der sparsame Einsatz weiterer Ressourcen wird unter anderem durch das angedachte Grauwassersystem garantiert. Auch dieses System bringt nicht nur Umweltvorteile, sondern spart eine Menge Geld ein. Die Größe der Wohnanlage ist wiederum ein Garant dafür, dass das System bei fachgerechter Planung die hierin gesetzten ökologischen und finanziellen Erwartungen erfüllen kann.

Viele dieser Vorschläge sind bislang genau das: Vorschläge, Ideen, Wünsche, Ziele. In Gesprächen mit StadtplanerInnen und ArchitektInnen müssen wir sie jeweils konkretisieren, von einigen wohl oder übel auch mal Abschied nehmen, dafür aber dann ganz neue, bislang nicht bedachte Aspekte mit hineinnehmen. Die Chancen für die Realisierung unseres gelinde gesagt ambitionierten Vorhabens vermag ich nicht zu beziffern. Wir sind allerdings optimistisch genug, für unsere Ziele immer stärker in der Öffentlichkeit zu werben. Ein Teil davon ist die von mir mit erstellte Webseite unserer Initiative. Ich persönlich halte unser Vorhaben trotz aller offensichtlichen, kollektiven Übergeschnapptheit für so realistisch, dass ich nach langen Monaten des Zögerns auch hier in meinem Blog darüber schreibe.

Wenn wir das Baufeld nämlich wirklich für uns gewinnen können, wenn uns eine solide Finanzierung auf die Beine zu stellen gelingt, und wenn unsere Gruppe den eingeschlagenen Weg wirklich erfolgreich bis zum gemeinsamen Einzug weiter gehen sollte, dann bin ich mir sicher, dass mitten in Berlin ein einzigartiges, ein absolut faszinierendes, ein neben vielen anderen Aspekten auch ökologisch mehr als vorbildhaftes Gebäudeensemble entstehen wird, das die Latte für nachhaltiges Bauen und Wohnen nicht nur in Berlin ein gutes Stück höher legen wird.

7 Responses to “Initiative Möckernkiez - Energie- und Rohstoffwende im Selberbau”

  1. Thorsten Says:

    Hallo Nils,

    danke für diesen interessanten Bericht.
    Nachwachsende Rohstoffe für die Dämmung sind nicht unbedingt teurer. Fertigdämmplatten aus nachwachsenden Rohstoffen, etc. sind in der Tat teurer. Bei uns in der Region hat sich daher z. B. Holzrahmenbau mit einer Dämmung aus Altpapier/Zellulose (Isoflock), Climate-Chips (verfestigte Sägespäne) oder ausschließlich Holz (z.B. innovative Stecksysteme mit Lufträumen) als preisgünstige Alternative bewährt. Hierbei ist auch ein großer Anteil an Eigenleistung möglich. Wer von umweltfreundlichen Passivhäusern redet kommt am Holzhaus nicht vorbei. Denn da wo die Dämmeigenschaften beim konventionellen Hausbau aufhören, fangen sie beim Holzbau erst an. Selbst mehrgeschossiger Holzbau ist heute problemlos möglich. Das wusste man schon im Mittelalter: Mehrgeschossige Holzhäuser und Fachwerkhäuser haben schließlich auch Jahrhunderte überdauert. Fast überall auf der Welt hat Holzbau einen höheren Stellenwert als in Deutschland.

    Brandenburg ist mit 13 % Holzhäusern beim Neubau Spitzenreiter in Deutschland, NRW mit 7 % Schlusslicht, Tendenz jedoch überall steigend.

    Fakt ist: Ein Stahlbetonträger mit gleichen statischen Eigenschaften verbraucht ca. 18 mal so viel Primärenergie für seine Herstellung als ein Holzleimbinder. Holzleimbinder und andere Holzbauprodukte speichern zudem über lange Zeit Kohlenstoff und schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region.

  2. Müller Says:

    Ein bisschen blauäugig das Vorhaben.

    Am Geld und an der Bürokratie wird es scheitern.

    Geldgeber, Verkäufer, Stadtverwaltung, Bauamt/Auflagen, Sonderwünsche der angehenden Bewohner …

    Woher soll das Geld kommen? Spender, Vereinsmitglieder, Genossenschaft?

    Der Amtsschimmel wiehert schon.

    Die 20-30 Vereinsmitglieder auf den Fotos reichen dazu nicht.

    Der Beachvolleyballplatz und die Grünanlage sollten bleiben.

  3. Nils Simon Says:

    Müller: Na dann ist es ja gut dass praktisch alle relevant Beteiligten das anders einschätzen als Du.

  4. Nils Simon Says:

    Thorsten: Du hast recht, Zellulose oder Sägespäne kommen tatsächlich als preisgünstigere Alternative in Betracht. Hast Du gerade eine gute Quelle parat, wo der Primärenergiebedarf verschiedener Bauträger gut dargestellt wird?

  5. Thorsten Says:

    Hallo Nils,

    eine gute Aufstellung zur Energiebilanz findest Du unter:

    http://www.apa-europe.org/Languages/Deutsch/Publikationen/brochures/oekobilanz.pdf

    Erste Studien zu diesem Thema hat es von Baier (1982) gegeben: “Energieaufwand für Herstellung, Betrieb und Abbau von Lagerhallen”.

    S. auch:

    http://wfg.be/cms/upload/downloads/holzkompetenzzentrum/Energiebilanz%20Holz.pdf

    http://www.proholz.at/holzistgenial/2006/energiesparend.htm

    Mir liegt auch eine Publikation der Professoren Dr. Jürgen Schmaltz und Dr. Hubert Merkel zum Thema vor (FH Hildesheim). Leider habe ich diese nicht im Internet gefunden. Gerne kann ich Dir die entsprechenden Seiten zufaxen, wenn Du mir Deine Fax-Nummer zumailst.

    Die Verhältniszahlen (Energiebilanz) zwischen Stahlbeton und Holz liegen je nach Studie zwischen dem Faktor 5 und 20. Die beste Energiebilanz weisen Holzhäuser auf, die in der Halle vormontiert werden.

  6. Müller Says:

    “Na dann ist es ja gut dass praktisch alle relevant Beteiligten das anders einschätzen als Du.”

    Das wundert mich nicht. Beim Senator für Bau und Umwelt in Bremen habe ich die Erfahrungen gemacht. Aber viel Glück, ihr werdet es brauchen.

    Beachvolleyballplatz und Grünanlage würde ich dort lassen und das Projekt im kleineren Maßstab im ländlichen Bereich angehen.

  7. Nils Simon Says:

    Müller: Dort, wo jetzt der Beachvolleyballplatz ist, wird so oder so gebaut werden. Das Feld ist im Besitz der Anfang Dezember 2007 privatisierten Vivico (ehemals im Eigentum des Bundeseisenbahnvermögens), die auch noch einige andere Baufelder rund um den Gleisdreieck-Park hält. Die Frage ist nurmehr: Wer baut dort was? Darauf haben wir eine mutige und innovative Antwort parat. Ob sie Realität wird, wird sich zeigen müssen.

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