Mittelfristige Erwärmung

In den letzten beiden Tagen herrschte rege Betriebsamkeit in der Welt der veröffentlichten Meinung über eine Studie von Keenlyside, Latif , Jungclaus et al., die im Fachblatt Nature veröffentlicht wurde (PDF). Unter dem Titel “Advancing decadal-scale climate prediction in the North Atlantic sector” veröffentlicht das Autorenteam eine neue Methode, mit der mittelfristige (bis zu zwei Jahrzehnte) Prognosen zur Temperaturentwicklung errechnet werden können.

Eines der Ergebnisse: Aufgrund natürlicher Meereszyklen könnte die Erwärmung in den Ländern um den Nordatlantik herum, also in Europa und Nordamerika, in den nächsten paar Jahren etwas flacher ausfallen, um dann innerhalb von 15 bis 20 Jahren zur bislang angenommenen Temperatur aufzuschließen. In der Tat sieht man in Figur 3 (unter c und d), dass in Europa und Nordamerika zwischen 2005 und 2010 eine ganz leichte Abkühlung eintreten könnte. Dieser Zeitraum ist schon bald rum, und bislang ist von einer Abkühlung recht wenig zu sehen.

Darüber hinaus macht die Studie noch eine mit den regionalen Modelldaten aktualisierte Prognose zur globalen Temperaturentwicklung. Und entgegen mancher Kommentare besagt die Studie mitnichten, dass die Erderwärmung “Pause machen” würde. Dazu reicht ein Blick auf Figur 4. Deutlich ist zu sehen, wie die angeblich “verbesserte” Prognose zwischen 2005 und 2025 eine deutliche Erwärmung anzeigt, die am Endpunkt nahezu exakt den althergebrachten Modellen entspricht. Zwischen 2005 und 2010 deutet sich eine waagerechte Entwicklung an - aber solch eine Entwicklung ist weder eine Überraschung noch eine Neuigkeit, sondern schon vor fast einem Jahr von Smith et al. in Science vermutet worden. Der Ansatz der Studie mag neu sein und damit Grund für Fachdebatten liefern - eine öffentliche Laiendiskussion in Kommentarforen wie beim entsprechenden Zeit-Artikel rechtfertigt das sicher nicht.

William Connolley hat mehr dazu und wundert sich unter anderem darüber, warum die Verfizierung der Modelle (Standard-IPCC und weiterentwickeltes von den Autoren) 1998 stoppt - und damit 10 Jahre des spannendsten Verifikationszeitraumes außen vor lässt. Bis in die Gegenwart, so James Annan in einem anderen Beitrag, habe das IPCC-Szenario A1B nämlich deutlich besser den gemessenen Temperaturen entsprochen als das “verbesserte” Modell.

Keine kritische Würdigung, sondern ledigliche Darstellung der leicht missverständlichen Ergebnisse bietet enttäuschenderweise Climate Review an. Schon in der Überschrift “Keine Erwärmung bis 2015″ steckt ein Fehler, wie abermals Figur 4 verrät. Denn nach dem eigenen Modell liegt die Temperatur 2015 deutlich (>0,2°C) über jedem beliebigen Jahr bis 1960. 2015 wird nach diesem neuen Modell vielleicht erst die Temperatur erreicht, die in den Messungen schon 1998 vorherrschte (wir erinnern uns - das Jahr eines enorm starken El Ninos). Aber genau dort weicht das neue Modell deutlich von den Messungen ab (im Gegensatz zum IPCC-Vergleichsmodell) - und das spricht eher gegen das neue Modell und nicht für eine angeblich pausierende Erderwärmung. Aber vor vollmundigen Schlagzeilen ist eben niemand gefeit.

ERGÄNZUNG: Wem die Presseerklärung von IFM-GEOMAR zu dieser Studie immer noch nicht vorsichtig genug ist, sollte sich die sehr erhellenden Erläuterungen auf Climate Progress unbedingt durchlesen, die Joe in Rücksprache mit dem Hauptautor Keenlyside verfasst hat.

ERGÄNZUNG 2: Eine wesentlich detailliertere Beschreibung der dem Nature-Papier zugrundeliegenden Methoden kommt von Georg Hoffmann.

Veröffentlicht in Globale Erwärmung.

6 Antworten zu “Mittelfristige Erwärmung”

  1. climatereview sagt:

    @Nils
    Es freut mich, dass Du wieder angefangen hast regelmässiger Beiträge zu verfassen. Deine Kritik ist insofern gerechtfertigt, als dass ich die “Darstellung” verfasst habe, bevor das Paper von Nature veröffentlicht wurde. Insofern verliess ich mich auf die Aussagen der involvierten Wissenschafter, die sagten:

    “Our prediction is that there will be no warming until 2015 [...]”

    Zugegebenermassen hätte ein Fragezeichen hinter der Überschrift eine Berechtigung gehabt, aber das hatte schon der weitaus kontroversere Artikel “Abkühlung durch PDO?”.

  2. Jörg Haas sagt:

    Sehr lesenswert zu diesem Artikel ist übrigens “Climate Progress”: http://climateprogress.org/2008/05/02/nature-article-on-cooling-confuses-revkin-media-deniers-next-decade-may-see-rapid-warming/

  3. Jörg Haas sagt:

    sorry, habe erst jetzt gesehen dass Du den Climate Progress Post ja selbst schon verlinkt hattest. Man soll nicht zu schnell kommentieren ….

  4. Nils Simon sagt:

    Hallo Jörg :) Kein Problem, ich hatte das auch erst gestern abend als Ergänzung hinzugefügt.

  5. Mittelfristige Erdtemperatur « Climate Review sagt:

    [...] Simon von “Globale Umweltpolitik” kritisierte meinen Beitrag über die Studie von Keenlyside et al. - zu Recht, wie sich [...]

  6. hopla sagt:

    Was ich nicht verstehe: Wenn die Wärme durch die abgeschwächte Meereströmung nicht nach Norden transportiert wird, bleibt sie also im Süden. Wie kann sich der horizontale Transport der Wärme von a nach b auf den globalen Durchschnitt auswirken?

    hopla

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