Die Ökostadt kommt! Leider (noch) nicht bei uns.

Weil ich selber Mitglied einer Baugruppe bin, die in Berlin ein geeignetes Gelände zum Bau eines größeren Passivhaus(komplex)es sucht, stöbere ich seit einigen Monaten immer wieder mal in stadtplanerischen Artikeln oder schaue mir architektonische Entwürfe an. Vor ein paar Wochen bin ich auf ein ehrgeiziges Projekt in Abu Dhabi aufmerksam geworden. Unter dem Namen Masdar (was übersetzt so viel wie Ursprung oder Quelle heißen soll) plant das Emirat, eine sechs Quadratkilometer große 50.000-Einwohnerstadt so umfassend wie nur möglich nachhaltig zu bauen. Das heißt sowohl autofrei wie auch CO2-emissionsfrei und abfallfrei. Die Energieversorgung übernimmt das dann größte solarthermische Kraftwerk der Welt. Kein Punkt in der ganzen Stadt wird mehr als 200m vom nächsten Einstiegspunkt in das öffentliche Verkehrsmittelnetz entfernt sein. Das Emirat plant damit endlich handfest für die Zeit vor, in der Öl astronomisch teuer werden wird.

Das ausführende britische Architekturbüro verdient sich damit vermutlich eine goldene Nase. 22 Milliarden Dollar kostet der Spaß, vor wenigen Tagen war Baubeginn. Anlässlich diesem hat auch Spiegel Online einen lesenswerten Bericht über Masdar veröffentlicht, und einen Tag später war dann die NZZ dabei. Die Fertigstellung ist für 2016 geplant. Ich frage mich: Warum gibt es in Deutschland keine auch nur in Ansätzen vergleichbare Initiative? Wann wollen wir anfangen, unsere Städte auf den Klimawandel vorzubereiten, sie fit zu machen für die Zukunft, in der die Zeit des billigen Öls endgültig vorbei sein wird? Die Dimensionen sind in etwa so: Wir haben das Bioenergiedorf Jühnde - Abu Dhabi hat Masdar. Während wir es bemüht erreicht haben, ein kleines Bauerndorf energetisch autonom umzubauen, wendet Abu Dhabi das viel umfassendere Prinzip der sustainable city direkt auf eine ganze kompakte Stadt an.

Wir in Berlin haben dazu allerdings demnächst ebenfalls Gelegenheit dazu: Wenn der Tempelhofer Flughafen im Herbst 2008 seinen Flugbetrieb endlich einstellt, wird ein riesiges Areal inmitten Berlins frei. Eine der vielen Ideen, mit denen der Senat von interessierten BürgerInnen gefüttert wurde, sieht den Bau einer Ökostadt auf dem Tempelhofer Flugfeld vor. Ich halte das für eine grandiose Chance, die dringend notwendige Erfahrung beim Bau nachhaltiger Stadtstrukturen zu sammeln - und nebenbei tausende Wohnungen mit fantastischer Lebensqualität für die dorthin ziehenden Menschen zu schaffen, die im Einklang mit der vorhandenen Umwelt leben könnten.

Kleines Update: Im April findet der Ecocity World Summit 2008 statt, auf dessen Blog eine Menge sehr interessanter Beispiele und Modelle von Ökostädten oder Initiativen zu finden sind.

Noch ein Nachtrag: Die Süddeutsche Zeitung hat gestern ebenfalls einen Artikel über Masdar veröffentlicht.

Veröffentlicht in Umweltschutz, Urbanes.

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