300 Milliarden Euro
4. Juli 2007 — Nils SimonNachdem ich kürzlich über die Verschwendung von 900 Milliarden Euro jährlich durch weltweite Militärausgaben berichtet hatte, ist heute ein weiterer schizophrener Markt an der Reihe. Wie der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) vor wenigen Wochen berichtete, betrugen die deutschen Werbeausgaben im Jahr 2006 erstmals über 30 Milliarden Euro, ein Wachstum um 2,1% im Vergleich zum Vorjahr (um beim Vergleich mit den Militärbudgets zu bleiben: Der bundesdeutsche Haushalt 2007 sieht 28,4 Milliarden Euro für die Bundeswehr vor). Die dazugehörige Presseerklärung des ZAW spricht natürlich nicht von Verschwendung, sondern von “Investitionen in Werbung”… Für die USA werden in diesem Jahr “Investitionen” über 150 Milliarden Dollar oder 2,6% mehr als 2006 erwartet. Weltweit werden die Ausgaben für Werbung laut PricewaterhouseCoopers im Jahr 2005 auf etwa 385 Milliarden US-Dollar oder umgerechnet ca. 300 Milliarden Euro veranschlagt, was sich bis 2010 auf bis zu eine halbe Billion Dollar oder fast 400 Milliarden Euro erhöhen soll.
Bleiben wir bei den realisierten 300 Milliarden Euro, ein gigantischer Wert. Als Grüner bin ich quasi prinzipiell skeptisch gegenüber Werbung, doch die Frage nach dem Warum lässt sich weniger leicht beantworten als es auf den ersten Blick scheint. Oberflächliche grüne Werbekritik richtet sich zunächst einmal gegen die konsumsteigernde Absicht der Werbenden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass der kapitalistische Profit- und Wachstumszwang eine fortlaufende Steigerung des Verbrauchs bedingt und sich nicht mit der einmaligen, geschweige denn langfristigen Erfüllung von Bedürfnissen zufrieden geben kann. Die Folge dieser Profitmaximierung ist steigender Ressourcenverbrauch und damit erhöhter Stress für Ökosysteme, die als Quelle für Rohstoffe wie auch als Senken für den anfallenden Abfall überstrapaziert werden. Scheininnovationen werden mittels geschickt gestalteter Werbung als großartige Neuigkeiten gefeiert und führen zur massenhaften Ersetzung noch gebräuchlicher Gegenstände, von Kleidung über Handys bis hin zu Autos, durch das “Neue”. Werbung, so eine häufig gehörte Form grüner Kritik, erwecke in Menschen künstliche Bedürfnisse und animiere sie so massenhaft zum Kauf von Gütern - mit den bekannten Umweltschäden als Folge.
Diese Position ist auf den ersten Blick einsichtig, bringt jedoch auch Probleme mit sich. Sie unterstellt, dass es genuine oder “echte” Notwendigkeiten (auf englisch needs) gibt, die implantierten oder “unechten” Bedürfnissen (so genannten wants) gegenüberstehen. Wie sollen nun beide Formen unterschieden werden? Ist ein Auto eine Notwendigkeit oder ein Bedürfnis? Verändert die An- oder Abwesenheit öffentlichen Nahverkehrs diese Konzeption, und wenn ja, wie? Welchen Einfluss hat die Entfernung von Schule oder Arbeitsplatz auf dieses Denken? Wie sieht es mit Mobiltelefonen aus? Selbst wenn Mobiltelefone als Notwendigkeit konzipiert würden, wie oft würde ihre Erneuerung als notwendig angesehen? Beide Produkte, Autos und Mobiltelefone, tragen einen enormen ökologischen Rucksack mit sich herum. In welcher Weise beeinflussen die verursachten Umweltschäden das Bild, oder sollten sie erst nach der Unterscheidung des echen vom unechten Bedarfs berücksichtigt werden? Und wie sieht es bei Produkten wie Kaffee aus? Sicherlich ein Genussmittel - doch wer könnte entscheiden, dass er in manchen Phasen nicht doch auch mal eine Notwendigkeit darstellt sowie für manche Menschen im Alltag eher notwendig und für andere wiederum eher ein Bedürfnis ist? Bei anderen Produkten wird die Unterscheidung noch schwieriger. Und dies ist nur ein winziger Ausschnitt der sich herausschälenden Probleme, wenn von der künstlichen Erweckung vorher nicht existenter Bedürfnisse durch Werbung gesprochen wird.
Das gezeichnete Bild hilft uns also, oberflächlich die Rolle der Werbung zu kritisieren. Es reicht jedoch nicht tief genug, und mit zunehmender Komplexität der Analyse verliert die genannte Vorstellung an kritischer Klarheit. Matthew Paterson vertritt in seinem Buch Global Environmental Politics: Domination, Accumulation, Resistance eine hilfreiche Alternative (S. 105-106). Für Paterson kreiert Werbung nicht künstliche Wünsche, sondern offenbart vielmehr eine künstliche Befriedigung bereits vorhandener Bedürfnisse. In seiner Beschreibung der Automobilität und der mit ihr einhergehenden Umweltprobleme argumentiert Paterson gegen das Bild einer “Ersatzbefriedigung” durch das Auto. Für ihn liefert das Auto ein Stück genuiner menschlicher und kultureller Identität, es wird genutzt um ein bestimmtes Selbstbild innerhalb des es benutzenden Menschen zu generieren und aufrecht zu erhalten. Dies lässt sich auf viele Bestandteile des Massenkonsums ausdehnen. Die konsumierten Produkte dienen zur Reproduktion einer bestimmten Identität, sie sind nicht einfach von außen aufgeschwatzt.
Mit dieser Sichtweise wird die Komplexität von Werbung wohl besser erfasst als mit dem einfacheren, weiter oben beschriebenen Bild. Ein Teil dieser Komplexität ist die gegenseitige Wirkung, die menschliche Identitäten und die Werbewirtschaft aufeinander entfalten. Werbung offeriert durch das Andocken an Markenidentitäten den KonsumentInnen einen Teil der mit der Marke verbundenen Eigenschaften. Doch die Marke wird wiederum anhand der Wünsche der KonsumentInnen ausgerichtet. Es offenbart sich ein dynamischer, keinen Anfang und kein Ende kennender Prozess - die perfekte Voraussetzung für auch künftig erwartbare “steigende Investitionen” in Werbung.


4. Juli 2007 um 11:57
Paterson hat völlig Recht. Werbung befriedigt nicht nur irgendwelche Bedürfnisse, sondern buchstäblich das zentrale Bedürfnis des Menschen.
Schließlich dreht sich praktisch die gesamte menschliche Kultur um die Darstellung des Ideals und das Streben nach ihm. Genau wie Religion oder Kunst erzeugt Werbung eine imaginäre Welt, die in einem Spannungsverhältnis zur Realität steht, und dieses Spannungsverhältnis erzeugt Identität.
Das ist allerdings auch der Grund, weshalb wir als Konsumenten durch Werbung so unglaublich beeinflussbar sind. Und die von den Werbern intendierte Manipulation dient keinesfalls der Befriedigung unserer Bedürfnisse, sondern ist schlicht ein feindseliger Akt.
Insofern ist die “grüne” Werbekritik sehr wohl treffend.
12. Juli 2007 um 7:56
Ist doch ganz einfach: verbieten wir die Werbung! Braucht doch eh niemand, und schadet der Gesundheit und der Umwelt.
.oO(Ich frag mich nur, warum WWF, Greenpeace & Co. massive Werbekampagnen fahren, wenn Werbung doch ein Teufelszeuchs ist)
Werbung hat es schon immer gegeben, auch die Natur nutzt das “Instrument” Werbung tagtäglich. Werbung wird es immer geben und sie ist einfach notwendig.
Über die Form der Werbung können wir gern diskutieren, so sind z.B. die Unmengen an Postwurfsendungen wirklich ein Übel, ebenso wie die Scheibenwischerzettel und andere. Wenn wir jetzt aber anfangen über den Elektrosmog, der durch Radio- und Fernsehwerbung verursacht wird zu lamentieren, wirds wieder lächerlich.
Aber weil wir schon bei der Geldverschwendung sind: Seit Inkrafttreten des Kyoto-Protokolles wurden 360.134.600.000 USD ausgegeben, um den theoretischen Temperaturanstieg bis 2050 vielleicht um 0,00373473 °C geringer ausfallen zu lassen - den theoretischen Anstieg und das auch nur vielleicht.
Wäre es nicht viel vernünftiger, dieses Geld in nachhaltige Entwicklungshilfeprojekte zu stecken, beispielsweise um Leute mit sauberem Wasser und dringend benötigten Arzneimitteln zu versorgen?
Wenn wir lange genug suchen, finden wir genug Branchen, die wir locker stilllegen könnten… Nur hat uns die Geschichte gezeigt, dass solche planwirtschaftlichen Experimente bislang immer gescheitert sind.
~ghw
Also mit Beschreibungen welche “Instrumente” die Natur benutzt und welche nicht bin ich sehr vorsichtig. Wie in Deinem Fall geschieht es da nämlich sehr schnell, dass ein menschliches Verhalten der Natur übergeschrieben wird, um dann im Umkehrschluss dieses menschliche Verhalten als “natürlich” oder quasi unausweichlich darzustellen. Und dann hat man auf einmal Bienen anlockende, duftende Blumen mit umsatzsteigernden Coca-Colar-Kampagnen gleichgesetzt - aus meiner Sicht ein unzulässiger Vergleich.
Deine Bezifferung der “Kosten” des Kyoto-Protokolls finde ich eher niedlich, auch wenn ich JunkScience-Krempel sonst mit anderen Attributen versehe.
Leider offenbarst Du ein ziemliches SchwarzWeiß-Denken, wenn Du die “Stilllegung von Branchen” mit Planwirtschaft gleichsetzt. Wenn Zigarettenwerbung verboten wird, oder wenn Pornos nicht an Litfasssäulen beworben werden dürfen wird man kaum von realsozialistischen Verhältnissen sprechen können. Nils
13. Juli 2007 um 11:48
Ist Ironie nicht grundsätzlich s/w gefärbt?
Kann ich deinen Argumenten hinsichtlich der Rüstungsbudgets noch einigermaßen folgen (wobei wir in meinem Weltbild leider nicht ohne “Militär” auskommen, da es leider (hoffentlich noch) zuviele “Bedrohungen” von außen und innen gibt) - die Frage, wie eine globale Entmilitarisierung realistisch umzusetzen sei, konnte mir bis dato noch niemand hinreichend beantworten, so kann ich deinen Ausführungen hinsichtlich der nationalen/globalen Bedrohung durch die Werbeindustrie nicht folgen. Werbung ist nunmal ein Aspekt der Wirtschaft den es gibt, seit es “die Wirtschaft” gibt, und den es immer geben wird.
Leider ist meine Botschaft bei dir nicht angekommen:
Es würde durchaus (ökopolitischen) Sinn machen, bestimmte Medien der Werbung zu “lenken” (z.B. den Papierberg), aber Werbung wird man nie verbieten können (außer wir schicken uns in die Vor-Steinzeit zurück) - [sarkasmus] willst du vielleicht Marktschreiern die Zunge rausschneiden? [/sarkasmus].
Das Vorhaben, Werbung mehr oder weniger oder gleich ganz von der Bildfläche zu wischen geht mir viel zu sehr “zurück” in tiefste planwirtschaftliche Konzepte, die erfahrungsgemäß bis dato alle gescheitert sind.
~ghw
14. Juli 2007 um 8:33
Du weißt genauso gut wie ich, dass es genügend Publikationen gibt, die belegen, dass uns Kyoto in Bezug auf den CO2-Ausstoß praktisch nichts bringt, und stattdessen Unsummen kostet, die wesentlich nachhaltiger investiert werden könnten, als in eine neu etablierte Bürokratie für Aufbau und Überwachung des Emissionshandels.
Und die Botschaft meiner Kritik scheint leider bei dir nicht angekommen zu sein: Werbung hat es immer gegeben (seit wir von “Wirtschaft” sprechen können) und es wird sie immer geben. Man kann Werbung nicht verbieten, es sei denn, man erreichtet eine Militärdiktatur mit totaler Zensur (und jedem Marktschreier wird die Zunge rausgeschnitten).
Wo ich bei dir bin ist der Umstand, dass Werbung “nachhaltiger” gestaltet werden sollte (z.B. in Bezug auf die Papierberge in den Postkästen).
Teilweise magst du Recht haben, aber ich finde, deine generelle Kritik an der Werbung geht an der Realität vorbei.
15. Juli 2007 um 8:49
Wie kommt eigentlich diese Zahl zustande? 360 Milliarden fuer Kyoto?
Wenn ueberhaupt kann man das doch nur hoechst grob abschaetzen. Nicht nur, dass die Kosten einer Massnahme (z.B. Einspeisetariff fuer Wind in Deutschland oder production tax credit fuer Wind in den USA) aeusserst schwer zu bestimmen sind, dann muessen wir zudem noch abschaetzen in wie weit die Massnahme ueberhaupt etwas mit Kyoto zu tun hat.
Ich wuerde die bisherigen Kosten von Kyoto relativ niedrig ansehen, ein paar Milliarden vielleicht, und das meiste davon waeren Verwaltungskosten fuer ETS und CDM, mit sehr zweifelbarem direktem Nutzen (wenigstens kann man aus den bisherigen Misserfolgen was lernen).
Aber noch was zur Werbung. Rein prinzipiell macht Werbung ja schon Sinn. Produzenten informieren eben ueber ihre Produkte und machen es Konsumenten einfacher das richtige zu finden. So wenigstens die graue Theorie. Ob das was die Produzenten so ueber ihre Produkte an Informationen verbreiten aber auch stimmt, sei es der besondere Geschmack von Coca-Cola oder von Biotomaten, und in wie weit das suggestive Beeinflussung ist, so dass die Konsumenten etwas zu glauben anfangen was gar nicht stimmt, ist aber nicht so ganz so einfach zu beurteilen. Wenn es das ist, weil in der Werbung nachweislich was falsches erzaehlt wird, wird die Werbung ja auch verboten.