Klima-Hysterie? Wo?

In Blogs, Foren und Zeitungen wird in jüngster Zeit beständig gegen die angebliche vorherrschende “Klima-Hysterie” polemisiert. Cicero schreibt darüber und bringt die übliche Verschwörungstheorie mundtot gemachter Kritiker des IPCC mit ins Spiel, und die FAZ publiziert Wider die Klimahysterie. Beide befinden sich damit in der illustren Gesellschaft der verrückten BüSo, die gleich eine Petition “wider die Klima-Hysterie” vorantreibt (wer hat da jetzt von wem abgeschrieben?). Ebenfalls nahe dran bewegt sich oekologismus.de, wo die Kommentare wie üblich nur so vor Warnungen vor dem “Klima-Wahn” strotzen. Alle rechts von der Mitte plapperns nach, dann wirds wohl stimmen? Befinden wir uns in einer Zeit, in der panisch alles gegen den Klimawandel getan wird? Drohen die Schleifung von Bürgerrechten und unsere Wirtschaft vernichtende Steuerraten auf lebenswichtige Energie? Wohl kaum.

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Rechnet mit Schlimmerem! Oder: Neue Unsicherheiten bei Klimamodellen

Am 27. Juni wurde bei Nature Reports: Climate Change ein Artikel von Stephen Schwartz et al. zu den vom IPCC angegebenen Fehlergrenzen der im Vierten Sachstandsbericht verwendeten Klimamodelle veröffentlicht. Richard Kerr hat gestern die Story aufgegriffen und in Science darüber berichtet, wodurch ich darauf aufmerksam wurde. Kernpunkt des Artikels ist das mit Computermodellen berechnete Klima des 20. Jahrhunderts. Üblicherweise werden Klimamodelle auf die Aufgabe angesetzt, das bekannte Klima der letzten 100 Jahre nachzubilden. Daraus werden Rückschlüsse über die generelle Fähigkeit der Modelle gezogen, das Klima auch in die Zukunft hinein zu berechnen, oder auch die Klimasensitivität anzugeben, also die wahrscheinliche Erderwärmung bei einer Verdoppelung des CO2-Gehalts. Laut IPCC 2007 liegt die Klimasensitivität “wahrscheinlich” zwischen 2 und 4,5°C, was einer Wahrscheinlichkeit von über 66% entspricht.

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Der merkwürdige Fall Kuba

Anlass dieses Beitrags ist ein gestern beim Environmental News Network (ENN) erschienener Bericht, nach dem Kuba in den vergangenen drei Jahren anscheinend eine ernsthafte Energiekrise lösen konnte - dank des Einsatzes erneuerbarer Energien wie Solar- oder Windenergie, kombiniert mit Energiesparmaßnahmen und einer lange überfälligen Erneuerung des Stromnetzes. UNEP-Direktor Achim Steiner begrüßte dem Bericht zufolge die Entscheidung der Regierung, auf eine umweltfreundliche und nachhaltige Energieerzeugung umzuschwenken.

Doch hinter der Geschichte steckt mehr. Kuba ist sozusagen ein Überbleibsel des hinter uns liegenden Systemgegensatzes zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Während des Kalten Krieges von der Sowjetunion mit billiger Energie und auch finanziell versorgt, fungierte die Insel vor der Küste der USA hauptsächlich als Exporteur von Agrarprodukten in den Ostblock. Die USA hatten bereits 1960, nur ein Jahr nach der Machtübernahme Fidel Castros, ein Wirtschaftsembargo über Kuba verhängt. Auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR blieb das Embargo aufrecht, so dass sich die Insel bis heute relativ autonom versorgen muss (einem BIP von 44,5 Milliarden Dollar stehen Exporte über 2,4 Milliarden Dollar und Importe über 6,9 Milliarden Dollar gegenüber). In den letzten Jahren wurde Kuba zwar vermehrt mit billigem venezolanischen Öl versorgt, doch das US-Embargo garantiert weiterhin wirtschaftliche Isolation. Amnesty international (ai) zufolge, die regelmäßig Menschenrechtsverletzungen durch den sozialistischen Staat dokumentieren, ist das Embargo ein mitbestimmender Faktor für den geringen Lebensstandard der meisten KubanerInnen.

Zu Beginn der 1990er Jahre stand Kuba vor dramatischen Umstruktierungen. Der ineffiziente und energieverschlingende Handel mit der UdSSR war gewissermaßen über Nacht zusammengebrochen. Kuba drohte gleichzeitig eine schwere Nahrungs- und Energiekrise. Da sowohl Treibstoff als auch Dünger und Pestizide fehlten, entschied sich die Regierung den einzig möglichen Weg zu gehen - und weitete den Anbau biologisch erzeugter Nahrungsmittel drastisch aus. In den Medien wurde dieser Schritt bald als organic revolution bezeichnet. Im Jahr 2001 berichtete die BBC, dass die Produktion von Früchten und Gemüse jährlich um 250% zunehme. Der Schlüssel zu dieser Entwicklung war einerseits die auf der Insel vorhandene freie Arbeitskraft vieler KubanerInnen, welche ein Umschwenken zur arbeitsintensiveren ökologische Landwirtschaft begünstigte. Außerdem wurden in den Städten zahlreiche freie Plätze genutzt, um kleine Gärten anzulegen. Doch der eigentliche Clou sind die besonderen Vorteile der biologischen Landwirtschaft, welche es erlauben, auf den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln zu verzichten. Kuba hat also aus der Not eine Tugend gemacht.

Bis zum Ende der 1990er Jahre hatte Kuba mit diesen Maßnahmen seine unmittelbar drohende Nahrungskrise überwunden. Als nächstes machte der Bevölkerung die Energiekrise zu schaffen. Die Insel hatte immerhin ihr ganz eigenes Peak Oil erlebt - und letztlich überstanden. 16 Stunden am Tag Stromausfall waren keine Seltenheit. Da Geld fehlte, waren auch keine Investitionen in Großanlagen wie Windparks denkbar, geschweige denn in konventionelle Großkraftwerke. Die Lösung lag in reduziertem Verbrauch - Regierungsangestellte gingen stellenweise von Haus zu Haus und tauschten ineffiziente Glühbirnen durch Energiesparlampen aus - und in der Mikrogeneration von Strom durch kleine Erneuerbare Energie-Anlagen.

Das Global Footprint Network hat in Zusammenarbeit mit dem WWF noch etwas bemerkenswertes über Kuba herausgefunden. Im Living Planet Report 2006 wurden zwei verschiedene Indikatoren zusammengebracht, um einen Maßstab für nachhaltige Entwicklung zu erzeugen. Um die festgelegte Nachhaltigkeits-Latte nicht zu reißen, muss ein Land einerseits einen Human Development Index (HDI) über 0,8 aufweisen (das entspricht exakt dem für Bosnien-Herzegowina und Mauritius ermittelten Wert). Andererseits darf es die durchschnittlich pro Kopf verfügbare Biokapazität nicht überschreiten, darf also höchstens einen ökologischen Fußabdruck von 1,8 Hektar pro Kopf aufweisen. Während die meisten Entwicklungsländer keine Probleme mit der Biokapazität, aber um so mehr mit dem HDI haben, ist das Verhältnis bei den Industrieländern genau umgekehrt. Es gibt nur ein einziges Land, das beide Kriterien erfüllt und nach den Vorgaben des WWF als nachhaltig gelten kann: Kuba. Kubas HDI liegt bei 0,862, und die von seiner Bevölkerung in Anspruch genommene Biokapazität liegt bei 1,5 Hektar pro Person. Allerdings überstrapaziert Kuba trotz diesen Befundes die eigenen Ressourcen deutlich: Den in Anspruch genommenen 1,5 ha/Person stehen rechnerisch nur 0,9 ha an Inselfläche zur Verfügung.

All dies sollte deutlich machen, warum ich Kuba im Titel als “merkwürdigen Fall” beschrieben habe. Kuba ist keineswegs ein Paradies. Grundlegende Freiheitsrechte sind auf der Insel nicht verwirklicht, die Menschenrechtslage ist alles andere als vorbildlich. Mit einer Wirtschaftsleistung von nur 4.000 Dollar pro Kopf und Jahr gehört das Land fast zum ärmsten Drittel der Welt (Platz 146 von 229 laut CIA World Fact Book). Dem zugrunde liegt (auch) ein harsches wirtschaftliches Embargo durch die USA. Trotz dieser Bedingungen liegt die Lebenserwartung mit 77 Jahren in Kuba nur knapp unter den USA (78 Jahre), die Alphabetisierungsrate ist vergleichbar, und die Kindersterblichkeit ist sogar geringer (6,04 gegenüber 6,37 pro 1.000 Geburten). Kuba ist der einzige Staat, der nach den Kriterien des WWF als nachhaltig bezeichnet werden kann, wenn es auch immer noch über seine eigenen ökologischen Grenzen lebt. Und ambitionierte Programme haben die Nahrungsmittel- und Energieversorgung auf einen umweltfreundlichen Pfad gebracht. Kuba ist vor diesem Hintergrund ein nachdenkenswertes, ein im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdiges Beispiel, bei dem Licht und Schatten nahe beeinander liegen.

ERGÄNZUNG: Lisa Raffensperger vom World Resources Institute hat unter dem Titel “Changes on the Horizon for Cuba’s Sustainable Agriculture” einen aktuellen Artikel zum selben Thema geschrieben.

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300 Milliarden Euro

Nachdem ich kürzlich über die Verschwendung von 900 Milliarden Euro jährlich durch weltweite Militärausgaben berichtet hatte, ist heute ein weiterer schizophrener Markt an der Reihe. Wie der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) vor wenigen Wochen berichtete, betrugen die deutschen Werbeausgaben im Jahr 2006 erstmals über 30 Milliarden Euro, ein Wachstum um 2,1% im Vergleich zum Vorjahr (um beim Vergleich mit den Militärbudgets zu bleiben: Der bundesdeutsche Haushalt 2007 sieht 28,4 Milliarden Euro für die Bundeswehr vor). Die dazugehörige Presseerklärung des ZAW spricht natürlich nicht von Verschwendung, sondern von “Investitionen in Werbung”… Für die USA werden in diesem Jahr “Investitionen” über 150 Milliarden Dollar oder 2,6% mehr als 2006 erwartet. Weltweit werden die Ausgaben für Werbung laut PricewaterhouseCoopers im Jahr 2005 auf etwa 385 Milliarden US-Dollar oder umgerechnet ca. 300 Milliarden Euro veranschlagt, was sich bis 2010 auf bis zu eine halbe Billion Dollar oder fast 400 Milliarden Euro erhöhen soll.

Bleiben wir bei den realisierten 300 Milliarden Euro, ein gigantischer Wert. Als Grüner bin ich quasi prinzipiell skeptisch gegenüber Werbung, doch die Frage nach dem Warum lässt sich weniger leicht beantworten als es auf den ersten Blick scheint. Oberflächliche grüne Werbekritik richtet sich zunächst einmal gegen die konsumsteigernde Absicht der Werbenden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass der kapitalistische Profit- und Wachstumszwang eine fortlaufende Steigerung des Verbrauchs bedingt und sich nicht mit der einmaligen, geschweige denn langfristigen Erfüllung von Bedürfnissen zufrieden geben kann. Die Folge dieser Profitmaximierung ist steigender Ressourcenverbrauch und damit erhöhter Stress für Ökosysteme, die als Quelle für Rohstoffe wie auch als Senken für den anfallenden Abfall überstrapaziert werden. Scheininnovationen werden mittels geschickt gestalteter Werbung als großartige Neuigkeiten gefeiert und führen zur massenhaften Ersetzung noch gebräuchlicher Gegenstände, von Kleidung über Handys bis hin zu Autos, durch das “Neue”. Werbung, so eine häufig gehörte Form grüner Kritik, erwecke in Menschen künstliche Bedürfnisse und animiere sie so massenhaft zum Kauf von Gütern - mit den bekannten Umweltschäden als Folge.

Diese Position ist auf den ersten Blick einsichtig, bringt jedoch auch Probleme mit sich. Sie unterstellt, dass es genuine oder “echte” Notwendigkeiten (auf englisch needs) gibt, die implantierten oder “unechten” Bedürfnissen (so genannten wants) gegenüberstehen. Wie sollen nun beide Formen unterschieden werden? Ist ein Auto eine Notwendigkeit oder ein Bedürfnis? Verändert die An- oder Abwesenheit öffentlichen Nahverkehrs diese Konzeption, und wenn ja, wie? Welchen Einfluss hat die Entfernung von Schule oder Arbeitsplatz auf dieses Denken? Wie sieht es mit Mobiltelefonen aus? Selbst wenn Mobiltelefone als Notwendigkeit konzipiert würden, wie oft würde ihre Erneuerung als notwendig angesehen? Beide Produkte, Autos und Mobiltelefone, tragen einen enormen ökologischen Rucksack mit sich herum. In welcher Weise beeinflussen die verursachten Umweltschäden das Bild, oder sollten sie erst nach der Unterscheidung des echen vom unechten Bedarfs berücksichtigt werden? Und wie sieht es bei Produkten wie Kaffee aus? Sicherlich ein Genussmittel - doch wer könnte entscheiden, dass er in manchen Phasen nicht doch auch mal eine Notwendigkeit darstellt sowie für manche Menschen im Alltag eher notwendig und für andere wiederum eher ein Bedürfnis ist? Bei anderen Produkten wird die Unterscheidung noch schwieriger. Und dies ist nur ein winziger Ausschnitt der sich herausschälenden Probleme, wenn von der künstlichen Erweckung vorher nicht existenter Bedürfnisse durch Werbung gesprochen wird.

Das gezeichnete Bild hilft uns also, oberflächlich die Rolle der Werbung zu kritisieren. Es reicht jedoch nicht tief genug, und mit zunehmender Komplexität der Analyse verliert die genannte Vorstellung an kritischer Klarheit. Matthew Paterson vertritt in seinem Buch Global Environmental Politics: Domination, Accumulation, Resistance eine hilfreiche Alternative (S. 105-106). Für Paterson kreiert Werbung nicht künstliche Wünsche, sondern offenbart vielmehr eine künstliche Befriedigung bereits vorhandener Bedürfnisse. In seiner Beschreibung der Automobilität und der mit ihr einhergehenden Umweltprobleme argumentiert Paterson gegen das Bild einer “Ersatzbefriedigung” durch das Auto. Für ihn liefert das Auto ein Stück genuiner menschlicher und kultureller Identität, es wird genutzt um ein bestimmtes Selbstbild innerhalb des es benutzenden Menschen zu generieren und aufrecht zu erhalten. Dies lässt sich auf viele Bestandteile des Massenkonsums ausdehnen. Die konsumierten Produkte dienen zur Reproduktion einer bestimmten Identität, sie sind nicht einfach von außen aufgeschwatzt.

Mit dieser Sichtweise wird die Komplexität von Werbung wohl besser erfasst als mit dem einfacheren, weiter oben beschriebenen Bild. Ein Teil dieser Komplexität ist die gegenseitige Wirkung, die menschliche Identitäten und die Werbewirtschaft aufeinander entfalten. Werbung offeriert durch das Andocken an Markenidentitäten den KonsumentInnen einen Teil der mit der Marke verbundenen Eigenschaften. Doch die Marke wird wiederum anhand der Wünsche der KonsumentInnen ausgerichtet. Es offenbart sich ein dynamischer, keinen Anfang und kein Ende kennender Prozess - die perfekte Voraussetzung für auch künftig erwartbare “steigende Investitionen” in Werbung.

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