900 Milliarden Euro
12. Juni 2007 — Nils SimonWie das Stockholm International Peace Research Institute gestern laut einem Bericht von tagesschau.de mitteilte, sind die weltweiten Ausgaben für Rüstung und Militär im vergangenen Jahr auf ein neues Rekordhoch gestiegen. 2006 gaben die Staaten der Welt ungefähr 900 Milliarden Euro für ihre Militärmaschinerien aus, oder grob etwa 1.200 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Anstieg um 3,5% gegenüber 2005, was die Ausgaben über die letzten 10 Jahre gesehen um insgesamt 37% ansteigen ließ. Mit fast 400 Milliarden Euro liegen die USA unangefochten an erster Stelle und vereinen auf sich fast die Hälfte aller weltweiten Rüstungsausgaben. Mit deutlichem Abstand folgen dahinter Großbritannien, Frankreich, China, Japan und Deutschland.
Was hat das mit globaler Umweltpolitik zu tun? Mehreres.
Erstens werden von verschiedenen Quellen die Kosten für effektiven Klimaschutz mit einer Größenordnung um 1% des Welt-BIP angegeben. Zu diesen Quellen gehören unter anderem der Stern-Report oder auch ein lesenswertes Papier von Edenhofer et al. Das IPCC hat im jüngsten Bericht seiner Arbeitsgruppe III Schätzungen über die wirtschaftlichen Folgen für die Stabilisierung des atmosphärischen CO2eq-Levels auf Konzentrationen zwischen 445 und 710 ppm mit einer Veränderung des globalen BIP bis 2030 um -3% bis hin zu einem leichten Plus beziffert. Übersetzt in Reduktionen der jährlichen Wachstumsrate des Welt-BIP bedeutet dies eine Abnahme um <0,12 bis <0,06 Prozentpunkte. Bis 2050 steigen diese Beträge möglicherweise auf bis zu 5,5% absolut bei praktisch unveränderten Angaben für die Wachstumsraten.
Das Welt-BIP betrug laut CIA World Fact Book im Jahr 2006 knapp 46.660 Milliarden Dollar oder laut aktuellerer Schätzung des Internationalen Währungsfonds 48.144 Milliarden Dollar. Bleiben wir beim Wert des IWF, dann entsprechen die Militärausgaben über 1.200 Milliarden davon etwa 2,5%. Nur mal angenommen, wir wollten wirklich effektiven Klimaschutz über eine Reduktion des Militärbudgets finanzieren. Dann könnten wir uns entweder die Rüstungsetats eines einzigen Jahres sparen und hätten auf der Stelle genügend Geld für Klimaschutz bis 2030 (und ein weiteres Jahr gäbe uns mehr als genug bis 2050). Oder aber wir entscheiden uns weiterhin paranoide Angst vor uns selbst zu haben, behalten den größten Teil unserer Kriegsmaschinerie bei und sparen statt dessen lieber jedes Jahr einen kleineren Betrag davon ein. Dann müssten die Ausgaben für unsere Armeen von 2,5% am Welt-BIP auf fantastische 2,4% sinken - voilà!
Ein weiterer Zusammenhang wird in Anbetracht der letztlich geringen Kosten für den Klimaschutz deutlich: Eine Reduktion der jährlichen Wachstumsrate um <0,12 Prozentpunkte im meistambitiösen Szenario heißt, dass sich in den gut 90 Jahren bis zum Jahr 2100 sehr vereinfacht gerechnet diese Kosten auf unter 11% am Welt-BIP aufsummieren. Die Weltwirtschaft wuchs, ebenfalls laut CIA World Fact Book, im vergangenen Jahr um 5,1%. Mit anderen Worten: Die Welt würde den möglichen wirtschaftlichen Reichtum des Jahres 2100 aufgrund der Ausgaben für Klimaschutz unter diesen Bedingungen erst im Jahr 2102 erreichen - eine nahezu gigantische Verzögerung! Die Rettung unseres Klimas kostet nicht mehr als die bloßen Wachstumsraten von zwei Jahren im Laufe eines ganzen Jahrhunderts!
Dieser Vergleich ermöglicht uns, um zweiten Punkt zu kommen: Den Copenhagen Consensus, ein kontroverses Projekt des Umweltskeptizisten Bjørn Lomborg. Lomborg lud 2004 eine Reihe von ExpertInnen ein, um ihnen eine monströse Aufgabe zu unterbreiten: Mit erfundenen 50 Milliarden Dollar, etwas weniger als das jährliche Budget der globalen staatlichen Entwicklungshilfe, sollten die drängendsten Probleme der Welt bekämpft werden. Die Gelder konnten frei nach Gutdünken verteilt werden. Lomborg erhoffte sich daraus, eine Prioritätenliste erstellen zu können, anhand derer die verfügbaren knappen Gelder mit größter Effektivität gegen die schlimmsten identifizierten Übel neu zugeteilt werden könnten. Ein Beitrag auf RealClimate.org weist bereits darauf hin, dass der zeitliche Rahmen der Entscheidung nur fünf Jahre beträgt, was das Ergebnis bereits im Vorhinein in Richtung kurzfristiger Problemlösung beeinträchtigt. Wenig überraschend taucht Klimaschutz auf den hintersten Rängen auf, während AIDS und Mangelernährung verständlicherweise die Listen anführen.
Ein weiterer Kritikpunkt, der irgendwann vor gefühlten drei Jahren in der Frankfurter Rundschau erwähnt wurde, trifft sich jedoch erst recht vortrefflich mit den Zahlen für die Rüstungsausgaben. Einer der (wenn ich das aus meinem löchrigen Gedächtnis so richtig rekonstruiere) zum Consensus-Treffen eingeladenen, aber nicht erschienen oder daran teilgenommen habenden, aber hinterher unzufriedenen Experten äußerte seinen Unmut ungefähr auf folgende Weise: Es ist vollkommen unzureichend, das künstlich verknappte Geld virtuell zu verteilen, es wäre viel sinnvoller herauszufinden, wie viel Geld wir für die effektive Lösung aller angesprochenen Probleme brauchen und dann genau diesen Betrag lautstark einzufordern. Lomborg hielt meines Wissens dagegen, dass dies eine Phantasiesumme sei, die in der Größenordnung einer Billion Dollar liege und dass man ohnehin nie daran kommen werde.
Nun, es ist uns wichtig genug 1,2 Billionen Dollar jedes Jahr in unsere gesammelten Armeen zu stecken. Mangelndes Geld kann also ganz offensichtlich nicht der Grund fürs Scheitern wirklich ernsthafter Umwelt- und Entwicklungspolitik sein…


13. Juni 2007 um 3:44
Hallo,
das lässt sich ganz einfach beantworten. Es geht um Macht und nicht um Umwelt. Wenn die Militärausgaben in den westlich orientierten Ländern angehoben werden, bzw. erheblich schneller wachsen als in anderen Ländern und gleichzeitig andere Geldtöpfe (Umwelt, Hunger, Entwicklung, etc.) bei den Schwellenländer eingefordert werden bzw. automatisch entstehen, wird der Druck auf sie grösser und der Handlungsspielraum für die westlich führenden Länder auch. Das ist die konsequente Weiterentwicklung der Wolfowitz Doktrien, die besagt das die Alianz der jetzt führenden Länder, besonders den USA, mit allen Mitteln durchgesetzt werden muss. Stärke dich selbst und schwäche deine Gegner.
18. Juni 2007 um 1:04
Wenigstens ist 3,5% etwas weniger als der BSP Anstieg, womit der Anteil der Ruestungsausgaben am Welt BSP zur Zeit leicht sinkt.
http://www.opec.org/home/Monthly%20Oil%20Market%20Reports/2007/pdf/MR062007.pdf
Und bekanntlich und erfreulicherweise geht es in Indien und China besonders schnell aufwaerts (zusammen 40% der Weltbevoelkerung).
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Bei der Bereitwilligkeit Geld fuer das Wohl von Menschen in anderen Laendern auszugeben kannst Du uebrigens auch noch ganz andere Ausgaben zum Vergleich ranziehen, z.B. Sozialhilfe oder Rente. Fakt ist, dass in westlichen Staaten die Bereitwilligkeit anderen Menschen staatlich zu helfen ungemein von der Nationalitaet abhaengt. Oder wieso zahlt man in Deutschland beduerftigen Deutschen 700 Euro im Monat (oder was auch immer der Harz IV Satz ist, bin schon laenger nicht mehr in Deutschland) und den 3 Milliarden anderen Mitmenschen auf der Welt, die mit weniger als 200 Euro im Jahr auskommen muessen (oder so aehnlich) praktisch gar nichts?
Und mit der Kostenschaetzung von 0,1% pro Jahr oder so wuerde ich verschiedenes zu bedenken geben, z.B.: Kann Deutschland allein mit deutschen regeneratieven Energietraegern den CO2 Ausstoss auf Null (oder unter Null) bringen? Ja, schon, aber nicht fuer 0,1% weniger BSP Wachstum pro Jahr ueber 20 Jahre (in Zusammenfassung weil nicht genug Wind da ist, und PV in Deutschland sauteuer ist). Da muesste man schon Wind und Sonnen und/oder Bioenergie aus anderen Laendern importieren, und schon gibt es wieder politischen Widerstand.